Tagebuch

einer Vampirjägerin

15. Oktober 2031

„Lasst die Energie durch eure Handflächen fließen. Leert euren Geist. Findet euer inneres Gleichgewicht.“

Mit geschlossenen Augen lauschen 13 Jäger und ich – die einzige Jägerin -, im Schneidersitz, mit aneinandergelegten Händen Sensei Kuns Worten. Wir befinden uns in unserem neuen Trainingszentrum, ein riesiges Arsenal an Waffen hängt an der einen Wand, ein überdimensionaler Spiegel an der anderen. Die Worte unseres Meisters für den Nahkampf und die Meditation bringen mein Trommelfell zum Schwingen, doch die Umwandlung in elektrische Nervenimpulse, die eine Reaktion meines Gehirnes nach sich ziehen müsste, bleibt aus. Same procedure as every time.

Wenn ein Mörder nur Kriminelle tötet, sollte er zur Rechenschaft gezogen werden oder sollte man ihm applaudieren? Wer bestimmt, wer kriminell und wer Mörder ist?

Da ist dieses Mädchen, tote silberne Augen, ein rote Wunde auf bleicher Haut…

Ich schüttle den Kopf. Zeitverschwendung an die Toten von letzter Woche zu denken.
Einatmen … Ausatmen.

„Starker Geist, starker Kämpfer.“

19 Pfeile habe ich noch, 1 Wurfmesser habe ich im Kampf gestern eingebüßt, das muss ich nachher ersetzen. Dann brauche ich noch 34 neue Silberkugeln, 6 Messer und meine Bogensehne muss gespannt werden…

*


8. Oktober 2031

Ich beobachte sie seit der Dämmerung. In einem dünnen Kleidchen irrt sie zwischen den Häusern umher, die Hände bittend ausgestreckt. Eine Einladung.

Die Tür der Spelunke öffnet sich, Lärm und der Geruch nach Alkohol und Urin quellen auf das Kopfsteinpflaster. Das Mädchen verharrt gerade außerhalb des Lichtkegels. Dreckiges Wischwasser landet vor ihren Füßen, bevor die sich schließende Tür sie in Stille zurücklässt. Ihre Schultern sinken herab. Ihre Einsamkeit zieht zu mir auf das Dach, wo ich mich an einen Schornstein drücke.

Schatten lösen sich aus der engen Gasse. „Oh, wen haben wir denn hier?“

„Bitte Mister, haben Sie etwas zu Essen für mich?“

Gelächter und gierige Blicke. Ich seufze und spanne den Bogen. Ich habe mich noch nicht entschieden.

Drei Männer umringen das Mädchen. Sie hält den Kopf gesenkt, den Körper starr. Der erste hebt die Hand. Silberne Augen blitzen und ich schieße. Treffer. Die Männer stieben auseinander und ich lande geräuschlos zwischen ihnen. „Behaltet das nächste Mal eure dreckigen Hände bei euch!“

Mit aufgerissenen Mündern stieren sie mich an.

Ich trete einen Schritt nach vorne. „Husch.“

Sie rennen.

Ich bleibe und hocke mich neben den toten Körper des Mädchens. Ihre silbernen Augen richten sich in den Nachthimmel. Diese Vampirin wird niemanden mehr täuschen.

Vielleicht hätte ich noch ein paar Sekunden warten können. Die Welt ist voller Abschaum.

Mein Funkgerät rauscht und ich setze die Nachricht ab. „Erledigt.“ Andere werden sich um die Überreste kümmern.

Ich ziehe den Pfeil aus ihrer Stirn und das rote Blut fließt über die bleiche Haut. Dann verlasse ich die Gasse über die Dächer, ohne zurückzuschauen.

Wir haben gewählt. Ich befinde mich auf der richtigen Seite.

*