Tagebuch

einer Vampirjägerin

19. November 2031

Ich frage mich, ob alles im Leben im Kreis läuft. Mal in kleinen Kreisen, mal in großen. Immer wieder kommt man an einen Punkt, an dem man in dieselbe Spurrille rutscht.

Seit gut 2 Jahren jage ich sie. 28 Monate. 841 Tage. 20.193 Stunden. 1.211.586 Minuten.

Komme ich ihr näher?

Mein Herz klopft ein Ja in die wirbelnden Kristalle der Nacht. Der Schnee legt dem Schwarz einen Zauber auf, verwandelt die Welt in Stille und entlarvt die Schuldigen.

Die Spuren sind frisch. Sie ist schnell. Ich bin beharrlich und kein Licht dieser Welt zwingt mich innezuhalten.

Ich darf nur den Fokus nicht verlieren.

Die Bewegung zu meiner Linken sehe ich fast zu spät. Doch der Bogen liegt schon griffbereit in der Hand und mein Pfeil verursacht ein unheilvolles Loch im rechten, silbernen Auge des Vampirs. Ein fallender Körper, knirschender Schnee. Die zwei anderen halten inne, dann wollen sie zwischen den dunklen Stämmen verschwinden.

Ich tue es. Die Spuren bleiben zurück, doch ich dekoriere neue in das Weiß. Rote.

Vielleicht schließt sich der Kreis heute noch nicht.

Aber bald.

*


5. November 2031

Ich puste in meine Hände und hülle sie damit einen Moment in weißen Dampf. Über Nacht ist es klirrend kalt geworden. Ich mag die Kälte. Sie kühlt meine Rache auf ein erträgliches Maß und hilft mir, mich auf mein Ziel zu fokussieren: Mandriya töten. Sie ist die Vampirin, die meine Familie vor meinen Augen niedergemetzelt hat. Zumindest glaube ich das, denn meine Erinnerungen sind verschwommen. Meine Träume sprechen dafür eine umso deutlichere Sprache.

Eine Frau mit schwarzen, langen Haaren und stechend blauen Augen ist stets die Hauptperson. Den Namen habe ich erst vor drei Monaten erfahren, als ich einen dunklen Vampir verhörte. Er dachte wohl, ich tauschte Informationen gegen sein jämmerliches Leben. Falsch gedacht.

Die Morgendämmerung leckt an den Wolken, während ich auf meinen Informanten warte. Mandriya ist gesehen worden, doch sie bleibt nie lange an einem Ort, verhält sich wie ein Schatten. Mal ist sie scharf umrissen, deutlich und groß, um im nächsten Moment klein und verschwommen mit der schwarzen Nacht zu verschmelzen.

Sie weiß, dass ich ihr auf den Fersen bin.

Versteckt dich. Ich werde dich finden und töten.

*


29. Oktober 2031

Wir hocken seit 58 Minuten in der Dunkelheit. Tommy und Peer rauchen. Die Zigarettenspitzen glühen und der Rauch kringelt sich in die Luft. Wenn wir wirklich im Hinterhalt lägen und auf eine Horde dunkler Vampire warten würden, wären sie schon tot.

Doch ich bin sicher, dass die Meldung falsch war und der Hinterhalt für uns gedacht.

Es macht keinen Unterschied, ob wir uns verraten, denn das wurden wir schon.

So ist die Welt: Jeder Mensch kämpft für sich selbst. Die Vampire haben unsere schlechtesten Seiten hervorgebracht.

„Kommt raus.“

Meine Hunter-Kollegen zucken zusammen und gucken mit großen Augen zu mir. Ich seufze.

Die Entfernung der rauen Stimme schätze ich auf 15 Meter ein. Ich spanne meinen Bogen und bedeute den beiden, ihre Waffen zu entsichern. Mit den Fingern forme ich das VT-Zeichen: Verletzen, nicht töten.

Wir erheben uns. 9 Männer mit selbstgebauten Waffen und grimmigen Gesichtern stehen uns gegenüber. Exiler – Verbannte. Sie sind scharf auf unseren Verdienst.

Lautlos zähle ich von drei rückwärts und nicke. Wir greifen gleichzeitig an. Einer meiner Pfeile trifft ein Bein, der nächste einen Arm mit einem Speer. Ich verstaue in einer Bewegung den Bogen auf dem Rücken und greife nach meinem Shoto. Ein Schlag in den Nacken, einer in die Kniekehle und alle Angreifer liegen am Boden. Sechs Sekunden. Im Kampf kann ich mich auf die Hunter verlassen.

„Was tun wir mit ihnen?“ Peer lässt sein Feuerzeug schnappen.

„Liegenlassen“, ist Tommys Antwort, die beinahe in dem lauten Stöhnen und Röcheln untergeht.

Wir sind nur der Association verpflichtet und nehmen Vampire gefangen. Es gibt niemanden mehr, der die Gesetze gegen Kriminalität verteidigt.

Früher oder später erledigen sich solche Ärgernisse hier draußen von selbst.

*


22. Oktober 2031

Sie tuscheln und werfen mir verstohlene Blicke zu. Ich ignoriere sie.

„11“, sage ich leise zu mir selbst, während ich alle Waffen wieder an ihren vorgesehenen Platz lege. Diesmal waren es 4,35 Sekunden. Zu langsam.

Mein rechter Arm schmerzt, die Naht ist noch frisch und Feuchtigkeit sickert durch mein Shirt. Meine tägliche Routine ändere ich nicht. Sie entscheidet über Leben und Tod. Das werden die Hunter auch noch verstehen. Wenn es zu spät ist.

20 Mal trainiere ich das blitzschnelle Aufstehen und Anlegen meiner Waffen. Das Silbermesser behalte ich auch im Schlaf in meiner Hand. Es wandert als erstes in den Waffengürtel an meiner Taille, den ich niemals abnehme. Dann folgen die drei Wurfmesser an meinen linken Oberschenkel, Pfeile und Bogen auf den Rücken, die Glock mit den 17 Silberkugeln und mein Kurzschwert Shoto aus rotem Eisenholz nehme ich in die Hand. Bereit für den Nahkampf. 0,5 Sekunden benötige ich, um Pistole und Shoto zu verstauen und meinen Bogen zu spannen. Mein Pfeil hat eine Geschwindigkeit von 300 km/h.

Meine Bestzeit beträgt 1,27 Sekunden.

Ich sollte ihnen erklären, was ich hier tue. Aber wenn ich an die vielen jungen Jäger denke, die ich kommen und gehen sehe, kommt mir meine Zeit zu kostbar vor, um sie zu verschwenden.

*


15. Oktober 2031

„Lasst die Energie durch eure Handflächen fließen. Leert euren Geist. Findet euer inneres Gleichgewicht.“

Mit geschlossenen Augen lauschen 13 Jäger und ich – die einzige Jägerin -, im Schneidersitz, mit aneinandergelegten Händen Sensei Kuns Worten. Wir befinden uns in unserem neuen Trainingszentrum, ein riesiges Arsenal an Waffen hängt an der einen Wand, ein überdimensionaler Spiegel an der anderen. Die Worte unseres Meisters für den Nahkampf und die Meditation bringen mein Trommelfell zum Schwingen, doch die Umwandlung in elektrische Nervenimpulse, die eine Reaktion meines Gehirnes nach sich ziehen müsste, bleibt aus. Same procedure as every time.

Wenn ein Mörder nur Kriminelle tötet, sollte er zur Rechenschaft gezogen werden oder sollte man ihm applaudieren? Wer bestimmt, wer kriminell und wer Mörder ist?

Da ist dieses Mädchen, tote silberne Augen, ein rote Wunde auf bleicher Haut…

Ich schüttle den Kopf. Zeitverschwendung an die Toten von letzter Woche zu denken.
Einatmen … Ausatmen.

„Starker Geist, starker Kämpfer.“

19 Pfeile habe ich noch, 1 Wurfmesser habe ich im Kampf gestern eingebüßt, das muss ich nachher ersetzen. Dann brauche ich noch 34 neue Silberkugeln, 6 Messer und meine Bogensehne muss gespannt werden…

*


8. Oktober 2031

Ich beobachte sie seit der Dämmerung. In einem dünnen Kleidchen irrt sie zwischen den Häusern umher, die Hände bittend ausgestreckt. Eine Einladung.

Die Tür der Spelunke öffnet sich, Lärm und der Geruch nach Alkohol und Urin quellen auf das Kopfsteinpflaster. Das Mädchen verharrt gerade außerhalb des Lichtkegels. Dreckiges Wischwasser landet vor ihren Füßen, bevor die sich schließende Tür sie in Stille zurücklässt. Ihre Schultern sinken herab. Ihre Einsamkeit zieht zu mir auf das Dach, wo ich mich an einen Schornstein drücke.

Schatten lösen sich aus der engen Gasse. „Oh, wen haben wir denn hier?“

„Bitte Mister, haben Sie etwas zu Essen für mich?“

Gelächter und gierige Blicke. Ich seufze und spanne den Bogen. Ich habe mich noch nicht entschieden.

Drei Männer umringen das Mädchen. Sie hält den Kopf gesenkt, den Körper starr. Der erste hebt die Hand. Silberne Augen blitzen und ich schieße. Treffer. Die Männer stieben auseinander und ich lande geräuschlos zwischen ihnen. „Behaltet das nächste Mal eure dreckigen Hände bei euch!“

Mit aufgerissenen Mündern stieren sie mich an.

Ich trete einen Schritt nach vorne. „Husch.“

Sie rennen.

Ich bleibe und hocke mich neben den toten Körper des Mädchens. Ihre silbernen Augen richten sich in den Nachthimmel. Diese Vampirin wird niemanden mehr täuschen.

Vielleicht hätte ich noch ein paar Sekunden warten können. Die Welt ist voller Abschaum.

Mein Funkgerät rauscht und ich setze die Nachricht ab. „Erledigt.“ Andere werden sich um die Überreste kümmern.

Ich ziehe den Pfeil aus ihrer Stirn und das rote Blut fließt über die bleiche Haut. Dann verlasse ich die Gasse über die Dächer, ohne zurückzuschauen.

Wir haben gewählt. Ich befinde mich auf der richtigen Seite.

*