Tagebuch

einer Vampirjägerin

8. April 2032

Kritische Zeiten, spezielle Maßnahmen.

Früher hätten sie mir als Mädchen mit 17 keine Waffe in die Hand gedrückt und mich zum Töten geschickt. Moralische Bedenken können sich die letzten Menschen heute kaum leisten. Trotzdem bin ich eine Ausnahme.

Ich frage mich, ob Kindheit überhaupt noch einen Wert hat. Ob wir den Kindern eine falsche Welt vermitteln, wenn wir sie nicht trainieren und vorbereiten.

Noch ist der Eintritt in die Hunter Association freiwillig. Ein Fehler. Wenn wir nur nicht so wenige wären.

Die Geschichte der Welt hat es doch gezeigt:

Um getötet zu werden, ist man nie zu jung.

*


1 . April 2032

Ich höre ihr Lachen bis in meine stille Welt. Niemand scherzt mit mir. Eine Feststellung. Ist daran etwas falsch? Vielleicht.

Etwas hat sich geändert. Da ist mehr Flüstern in meiner Nähe. Gedämpfte Stimmen, die mit mir sprechen wie mit einem verschreckten Tier.

Nur, dass es für mich keinen Unterschied macht. Sie können brüllen, sie können spotten, sie können murmeln.

Nur sterben … sterben dürfen sie nicht.

*


25. März 2032

Meine Beine streiken,
meine Arme kriechen tiefer unter die Decke
und meine Augenlider verlieren gegen die Schwerkraft.

Heute.

Draußen sprießen zartgrüne Knospen
und Sonnenstrahlen verwandeln die Welt in Wärme.

Nicht.

Schwärze zieht an meinen Haarspitzen.

Bitte.

Schlaf holt mich.
Auf. Gelöst.
Danke.

*


18. März 2032

Ich starre an die Decke. Schwarze Risse ziehen sich über die vergilbte weiße Farbe. Eine dicke Spinne schläft in ihrem Netz.

Meine Augen lassen sich nicht schließen. Die ersten Strahlen der Sonne zaubern Lichtflecken an die Wände und die tanzenden Schatten hypnotisieren mich.

Sie betäuben nicht den Schmerz in mir. Leben. Ich hatte vergessen, wie anstrengend es ist. Wie tief das Tal vom Gipfel des Berges sein kann.

Niemand ist tot, es gibt keine Verletzten und Borne wurde auch nicht angegriffen. Meine Hunter-Kollegen schlafen in ihren Betten.

Und doch …

Hoffnung kann uns zerstören. Sie ist zu groß für mich, nimmt sich zu viel von mir und lässt nichts übrig als abgenagte Knochen. Sie verleitet mich zur Unbesonnenheit.

Hoffnung und ich können nicht nebeneinander existieren. Ich kann die Welt nicht zu einem besseren Ort machen. Nur zu einem sicheren.

*


11. März 2032

Peer und Tommy singen verrückte Lieder, die laut durch die Dunkelheit schallen. Sie stacheln sich gegenseitig an, jede Zeile lustiger klingen zu lassen. Dabei sind sie das Witzigste hier. Kein Fuß setzt sich vor den anderen und ihre Schultern schwanken wie Pappeln im Wind.

Wenn nicht …

Ich spüre ein Grinsen auf meinem Gesicht und zucke zusammen.

Wenn nicht …

War ich unaufmerksam? Habe ich ein Geräusch überhört?

Was, wenn …

Meine anderen Hunter-Kollegen Erik, Bren und Anh-Tài laufen voran, doch ihre Schritte sind ebenfalls unsicher.

Was, wenn …

Ich spanne meinen Bogen und drehe mich nach allen Seiten.

Nichts passiert. Einfach nichts.

Ich kann die Tageslichtlampen unseres Trainingszentrums sehen. Noch 700 m voller Schatten.

Wir sind das perfekte Ziel. Ich würde uns angreifen. Jetzt.

Kann es wirklich Momente der Fröhlichkeit geben, die nicht in einem Desaster enden?

*


4. März 2032

„Du kannsso nich leben.“ Peer rüttelt an meiner Schulter.

Hält er normalerweise eine angemessene Distanz zu mir, die ich durch mein Verhalten definiere, hat sich mit dem fortschreitenden Genuss des Punsches auch sein natürlicher Überlebensinstinkt verflüchtigt.

„Warum nicht?“

Er schlägt sich in einer übertriebenen Geste mit der Hand an die Stirn, wobei seine Hand, statt mittig zu treffen, eher über sein Haar hinwegfegt.

„Dassis kein Leben, Cryssal. Ja, die Welt ist scheiße. Das war sie gestern und wird sie morgen sein. Denkst du, sie wird besser, wenn kein Mensch mehr glücklich ist? Schau dir die Menschen hier an.“ Er steht auf und dreht sich schwankend und mit ausgebreiteten Armen einmal um sich selbst. „Wir alle haben Sorgen, doch wir gehen ein, wenn wir nicht etwas für unsere Seele tun. Wer soll die Welt zu einem besseren Ort machen, wenn nicht wir? Der Sinn des Lebens ist nicht, dass wir bis zum Tod leiden. Wenn du morgen stirbst, was willssu heute noch tun?“

Ich schlucke und kann nicht antworten. Mein Blick wandert zwischen den feiernden Menschen und meinem Hunter-Kollegen hin und her. Ich weiß nicht, was mich mehr schockiert: Dass er in seinem Zustand so tiefsinnige Worte findet oder dass ich meine, ein Körnchen Wahrheit in seinen Worten zu sehen.

Wenn nicht Rache, was ist der Sinn meines Lebens?

*


25. Februar 2032

Die Menschen lachen, trinken, schlagen sich auf die Schultern.

Eine Stunde nach der Dunkelheit.

Niemand duckt sich in die Schatten oder sucht Schutz in den verwinkelten Gassen und kleinen gedrängten Behausungen. Auch in Borne haben sie auf und unter die bestehenden Häuser noch mehr Wohnmöglichkeiten geschaffen. Wackelige Brücken und gewagte Konstruktionen aus einzelnen Brettern verbinden die Dächer miteinander. Ein eigenes Universum, das sich dort oben unter der Stahlkonstruktion entfaltet. Ein Paradies für Straßendiebe und für die Kinder, die jeden Winkel ihrer beengten Welt besser kennen als die Konstrukteure.

Ich folge meinen Hunter-Kollegen von Stand zu Stand. Meine Schultern sind in ihrer verkrampften Haltung eingefroren, meine Hände hängen nutzlos herab.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Menschen ihr Winterfest feiern. Nur ich bin das erste Mal dabei. Meilen aus stiller Nacht trennen uns.

Ich frage mich, wer seine Zurechnungsfähigkeit in den Wirren der untergegangenen Zeit verloren hat.

Sie oder ich?

*


18. Februar 2032

8 Fakten über Crystals 17jähriges Ich:

  1. Ihr Geburtsname lautet Moona Rabe, sie wurde am 21. Juni 2014 geboren.
  2. Dunkle Vampire haben ihre Eltern und ihren kleinen Bruder Sonny getötet, als sie sechs war. Sie leidet seit dieser Nacht an Amnesie und ihre Haare sind weiß. Sie hat sich geschworen, ihre Familie zu rächen.
  3. Mit fünfzehn wurde sie das jüngste Mitglied der Hunter Association und absolviert neben der dreijährigen Ausbildung eine Spezialausbildung für Krisenmanagement und Taktik.
  4. Sie beherrscht verschiedene Kampfstile und ist eine Meisterin beim Schießen mit Pfeil und Bogen. Sie liebt ihre Waffen und vertraut ihnen mehr als anderen Wesen.
  5. Sie kann sich komplett von ihren Gefühlen abschotten und funktioniert nur noch als Maschine, weshalb ihre Kollegen bei der HA ihr den Spitznamen Crystal – ‚kalt wie ein Eiskristall‘ – gaben.
  6. Sie tut sich schwer mit zwischenmenschlichen Interaktionen und dem Entschlüsseln der Bedeutung von Gestik und Mimik.
  7. Sie schläft nie mehr als vier Stunden am Stück und wird jedes Mal von Albträumen heimgesucht.
  8. Fühlt sie sich überfordert, beginnt sie zu zählen. Risse, Steine, Bäume …

*


11. Februar 2032

Borne gleicht einem bunten Hexenkessel. Sind die Menschen sonst leise und darauf bedacht, nicht aufzufallen, erschlagen mich heute die Gerüche nach den exotischsten Speisen und der Lärm der lachenden Feierwütigen. Als hätten sie keine Sorgen.

Eine Stunde vor der Dunkelheit.

Kinder rennen in den schmalen Gassen herum, ziehen bunte Fähnchen hinter sich her, betteln nach mit Zucker überzogenen Äpfeln oder werfen Bälle auf rostige Büchsen.

Winterfest.

Die Tage werden länger, doch die Nacht wird unweigerlich kommen. Haben die Menschen das vergessen? Oder wollen sie es für einen Abend aus ihren Gedanken verbannen?

Zumindest verhindert die massive Stahlkonstruktion, die auch diese Siedlung vollständig umschließt, dass jemand verlorengeht. An einem halben Tag könnten wir alle Häuser durchsuchen.

„Los, komm, wir holen uns einen Punsch!“ Peer streckt die Hand nach mir aus, doch ich weiche einen halben Schritt nach rechts aus. Die anderen sind schon an einem der Stände und ich folge ihnen.

Ich kann nichts trinken, ich kann mich nicht setzen und meine Finger wollen den Griff des Messers nicht loslassen. Niemand hier macht sich Sorgen. Keiner denkt an die Nacht.

Mein Blick wird von der Schwärze angezogen. Ich sehe einen Taschendieb mit flinken Fingern nach einem Geldbeutel schnappen. Ich sehe einen Mann mit der Frau seines Bruders flirten. Ich sehe einen Standbesitzer zu wenig Wechselgeld herausgeben.

Wenn ich all die fröhlichen Menschen betrachte, sehe ich Blut aus toten Augen spritzen.

*


28. Januar 2032

„Willst du … mitkommen?“

Ich schaue zu Peer und kann seine Aussage nicht mit seiner Kleidung in Einklang bringen. Er trägt ein blaues Hemd, keinen Waffengürtel.

„Mitkommen?“

Er schluckt. „Heute ist Winterfest in Borne. Wir könnten ein wenig … Spaß haben?“

Mein Gehirn sucht nach der richtigen Reaktion. Ich halte das Messer in der linken, den Wetzstahl zum Schärfen in der rechten Hand. Spaß? Winterfest?

Peer wartet auf eine Antwort. Hinter ihm sehe ich die anderen Hunter. Sie lachen, schlagen sich auf die Schultern. „Peer, kommst du?“

Er zuckt mit den Schultern und hebt seine Augenbrauen, was ihn unschuldig aussehen lässt und in mir ein unangenehmes Gefühl auslöst. Als würde ich fremdgesteuert.

Täuschen uns nicht die meisten Monster mit ihrer lieblichen Hülle?

„Okay.“ Ich stecke das Messer in die schwarze Lederhülle und greife im Aufstehen nach meiner Jacke.

„Willst du dich noch … umziehen?“ Peer fährt sich durch seine halblangen Haare und bringt sie durcheinander. Als es ihm auffällt, streicht er sie hektisch wieder glatt.

„Stimmt was nicht?“ Ich schaue an mir hinab. Kampfanzug, Waffengürtel, alles da.

„Doch, alles gut.“ Er hebt die Hände. „Aber den Bogen solltest du echt hierlassen.“

Ich ringe mit mir. Dann lasse ich ihn aufs Bett gleiten. Messer, Shoto und Pistole sollten wohl reichen, um meine Kollegen nicht den Monstern zum Fraß vorzuwerfen.

*


21. Januar 2032

Ich sehe dich.
Hinter meinen Augen.
Du starrst.
Du willst hinaus.

Warte noch.

Ich höre dich.
Zwischen meinen Türen.
Du zerrst.
Du willst hinaus.

Warte noch.

Ich fühle dich.
Unter meinen Rissen.
Du lauerst.
Du willst hinaus.

Warte noch.

Auf mich.

Bitte.

*


14. Januar 2032

Manchmal will ich liegenbleiben. Die Augen schließen und im Halbschlaf dahindämmern. Nicht in der Traum-Phase, sondern wenn ich mich nicht daran erinnere, wer ich bin. Was ich bin.

So stelle ich mir ein Koma vor. Schwebend im grauen Nichts, die Lider einen Spalt geöffnet, ohne etwas zu sehen. Keine Reize, die auf empfindliche Nervenenden treffen oder Gedanken, die dem Kopf Gewicht verleihen. Keine menschlichen Bedürfnisse, die den Körper in Alarmbereitschaft versetzen.

Früher las ich mit Lori „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende in der Bibliothek der Akademie. Dort gab es für einen Moment dieses Nichts. Friedlich, ruhig, still. Schmerzlos. Bis ein Name genannt wurde. Mondenkind. Mein Name.

Dann stehe ich auf. So wie gestern, so wie morgen. Vielleicht so lange, bis sie meinen Namen vergessen hat. Oder ich den ihren.

*


7. Januar 2032

7 Tage. 23 Stunden Schlaf. 1423 Minuten. Ich lege mich hin und schrecke wieder auf. Vollgepumpt mit Adrenalin.

Will mein Körper sein Jahresziel an toten Vampiren in den ersten 4 Wochen erreichen? Oder ist es mein Verstand, der mich wachhält?

Sie sind aggressiver. Leichtsinniger. Unzählige frisch Gewandelte. Sparen sich die Erzeuger*innen die Einführung in ‚Vampirkunde‘ oder schicken sie die Blutdurstigen mit Absicht vor? Verfolgen sie einen perfiden Plan?

Ich kann nicht denken. Meine Arme und Beine agieren losgelöst von meinem Körper. Schießen, treten, stechen. Dann der nächste.

Ich sehe sie. Die Vampirin mit den blauen Augen und den langen, schwarzen Haaren. Sie lacht. Ich stürme los, sie wartet und weicht mir mit Leichtigkeit aus. Ich erwische ihren Umhang, doch als ich daran ziehe, ist er leer. Ich stehe allein im eisigen Winterwald.

War sie jemals hier?

*


31. Dezember 2031

Die Welt hält den Atem an.

Silvester.

Neben dem Tag der Wintersonnenwende die Nacht mit den meisten Übergriffen durch Vampire. Als wollten sie uns daran erinnern, dass auch das neue Jahr in ihrem Zeichen stehe.

Stagnation.

Wir haben uns in so vielen Siedlungen wie möglich verteilt. Die Menschen verbringen die Zeit eingepfercht in ihren Verstecken. Von der vormals freudigen Erwartung auf das Glück der nächsten 12 Monate ist nichts übrig geblieben.

Noch ist alles ruhig. Doch sie werden kommen. Sie kommen immer. 364 Nächte. Niemals gibt es genug Hunter.

Eine einzige ruhige Nacht ist uns vergönnt. Weihnachten. Früher dachte ich, dass die Dunklen uns nur in Sicherheit wiegen wollen. Dass sie irgendwann auch diesen Tag mit Blut entweihen.

Ob Vampire Weihnachten feiern? Ob Vampire überhaupt an etwas glauben?

Ich glaube an die harte Waffe in meiner Hand. Und ich glaube an das neue Jahr. Ob es besser wird, kann ich nicht sagen. Doch am Ende werden mehr von ihnen tot sein.

Ist es nicht das, was zählt? Ein klein wenig MEHR als im alten Jahr?

*


17. Dezember 2031

Die Dämmerung lässt ihre Vorboten in rauchigen Nebelschwaden über die Erde tänzeln. Der metallene Zaun des Friedhofs ist schief, die Lackierung lange abgeblättert und Rost frisst sich in die Löcher. Es wurden später nicht mehr viele Menschen beerdigt.

Ich war noch nie hier, doch ich habe mir die Lage eingeprägt und könnte den Weg auch mit geschlossenen Augen finden. Trotzdem zögere ich. Der dunkle Tag drückt mich nieder. Man sollte meinen, dass erst an Weihnachten die schwierigsten Stunden des Jahres für mich anbrächen.

Immerhin ist mein Geist dieses Jahr klarer. Kein Blut verklebt meine Sicht, als ich den Friedhof betrete. Das Tor quietscht und funkelnde Eiskristalle knirschen unter meinen Füßen.

13 Grabsteine geradeaus, 7 nach links, 3 rechts.

Der einfache Stein ist verwittert und mit Moos bedeckt. Eine frische Schicht Schnee liegt darauf wie eine freundliche Zipfelmütze.

Nur unter dem letzten Namen steht ein Geburtsdatum.

Ich erstarre.

17. Dezember.

„Happy Birthday, kleiner Bruder“, flüstern meine Lippen.

*


10. Dezember 2031

Das Papier ist zu oft in zittrigen Händen gehalten und gefaltet worden. Ein paar Blutspritzer aus der dunkelsten Nacht verunstalten das Blatt. Ich weiß nicht mehr, wer die Zeilen geschrieben hat und warum. Als Unterschrift lässt sich gerade noch so ein N entziffern.

Den Brief habe ich in meiner Hosentasche gefunden. Er stammt aus der Akademie und ist versehentlich mit mir in die Abgründe der Jagd geritten. Ich trage ihn bei mir. Immer. Er hilft mir, mich zu … erinnern.

*


3. Dezember 2031

2 Wochen bis zum dunklen Tag. 364 Tage im Jahr sind meine Erinnerungen kristallklar. Einen Tag … funktioniert mein Körper ohne mich.

Das erste Mal in der HA war das schlimmste. Ein Raum voller scharfer Waffen und ich. Eine Vampirjägerin, deren Hass die Kontrolle übernommen hatte. Als ich blutüberströmt am nächsten Morgen im Basislager auftauchte, nannten sie mich hinter vorgehaltener Hand ‚Crystal – kalt wie ein Eiskristall‘.

In den 23 Monaten seit jener Nacht habe ich dazugelernt. Ich bin tödlicher und effektiver. Das Blut landet im Schnee und nur noch selten auf meiner Kleidung.

Ich bin Crystal.

*


26. November 2031

Der Tag rückt näher.

Es beginnt Ende November. Ich zittere, wenn ich meine Waffen halte. Ich zerreiße meine Schnürsenkel, weil ich sie zu fest binde. Ich trete auf knackende Zweige, obwohl ich still sein will.

Ich weiß nicht, warum.

Es ist stets der Schnee, der mich beruhigt. Doch die kalten Eiskristalle lassen auch die Nachfalter in meinem Inneren erwachen. Ein wiederkehrender Kreislauf.

Ich kann es kaum erwarten und fürchte mich am allermeisten davor.

Ich kam im Sommer an die Akademie. Es war heiß und trocken. Ohne Erinnerungen an meine Familie, in Begleitung unergründlicher Albträume.

2020 nahm es seinen Anfang, vor elf Jahren. Der Schnee war mein Freund, doch der dunkle Tag war mein Schmerz.

Noch drei Wochen. Ich werde Sensei Kun um Freistellung bitten, wie jedes Jahr. Vier Tage, in denen ich den Regeln der Association zuwiderhandle. Ein Tag, an dem ich nichts tue. Vielleicht besuche ich dieses Jahr das Grab.

Der Gedanke daran wirbelt die Falter durcheinander. Sie schlagen hektisch mit ihren Flügeln und das Messer fällt mir aus der Hand. Es landet im Schnee. Als ich mich danach bücke, schmelzen drei rote Tropfen das schimmernde Weiß.

Ich habe mich geschnitten.

*


19. November 2031

Ich frage mich, ob alles im Leben im Kreis läuft. Mal in kleinen Kreisen, mal in großen. Immer wieder kommt man an einen Punkt, an dem man in dieselbe Spurrille rutscht.

Seit gut 2 Jahren jage ich sie. 28 Monate. 841 Tage. 20.193 Stunden. 1.211.586 Minuten.

Komme ich ihr näher?

Mein Herz klopft ein Ja in die wirbelnden Kristalle der Nacht. Der Schnee legt dem Schwarz einen Zauber auf, verwandelt die Welt in Stille und entlarvt die Schuldigen.

Die Spuren sind frisch. Sie ist schnell. Ich bin beharrlich und kein Licht dieser Welt zwingt mich innezuhalten.

Ich darf nur den Fokus nicht verlieren.

Die Bewegung zu meiner Linken sehe ich fast zu spät. Doch der Bogen liegt schon griffbereit in der Hand und mein Pfeil verursacht ein unheilvolles Loch im rechten, silbernen Auge des Vampirs. Ein fallender Körper, knirschender Schnee. Die zwei anderen halten inne, dann wollen sie zwischen den dunklen Stämmen verschwinden.

Ich tue es. Die Spuren bleiben zurück, doch ich dekoriere neue in das Weiß. Rote.

Vielleicht schließt sich der Kreis heute noch nicht.

Aber bald.

*


5. November 2031

Ich puste in meine Hände und hülle sie damit einen Moment in weißen Dampf. Über Nacht ist es klirrend kalt geworden. Ich mag die Kälte. Sie kühlt meine Rache auf ein erträgliches Maß und hilft mir, mich auf mein Ziel zu fokussieren: Mandriya töten. Sie ist die Vampirin, die meine Familie vor meinen Augen niedergemetzelt hat. Zumindest glaube ich das, denn meine Erinnerungen sind verschwommen. Meine Träume sprechen dafür eine umso deutlichere Sprache.

Eine Frau mit schwarzen, langen Haaren und stechend blauen Augen ist stets die Hauptperson. Den Namen habe ich erst vor drei Monaten erfahren, als ich einen dunklen Vampir verhörte. Er dachte wohl, ich tauschte Informationen gegen sein jämmerliches Leben. Falsch gedacht.

Die Morgendämmerung leckt an den Wolken, während ich auf meinen Informanten warte. Mandriya ist gesehen worden, doch sie bleibt nie lange an einem Ort, verhält sich wie ein Schatten. Mal ist sie scharf umrissen, deutlich und groß, um im nächsten Moment klein und verschwommen mit der schwarzen Nacht zu verschmelzen.

Sie weiß, dass ich ihr auf den Fersen bin.

Versteckt dich. Ich werde dich finden und töten.

*


29. Oktober 2031

Wir hocken seit 58 Minuten in der Dunkelheit. Tommy und Peer rauchen. Die Zigarettenspitzen glühen und der Rauch kringelt sich in die Luft. Wenn wir wirklich im Hinterhalt lägen und auf eine Horde dunkler Vampire warten würden, wären sie schon tot.

Doch ich bin sicher, dass die Meldung falsch war und der Hinterhalt für uns gedacht.

Es macht keinen Unterschied, ob wir uns verraten, denn das wurden wir schon.

So ist die Welt: Jeder Mensch kämpft für sich selbst. Die Vampire haben unsere schlechtesten Seiten hervorgebracht.

„Kommt raus.“

Meine Hunter-Kollegen zucken zusammen und gucken mit großen Augen zu mir. Ich seufze.

Die Entfernung der rauen Stimme schätze ich auf 15 Meter ein. Ich spanne meinen Bogen und bedeute den beiden, ihre Waffen zu entsichern. Mit den Fingern forme ich das VT-Zeichen: Verletzen, nicht töten.

Wir erheben uns. 9 Männer mit selbstgebauten Waffen und grimmigen Gesichtern stehen uns gegenüber. Exiler – Verbannte. Sie sind scharf auf unseren Verdienst.

Lautlos zähle ich von drei rückwärts und nicke. Wir greifen gleichzeitig an. Einer meiner Pfeile trifft ein Bein, der nächste einen Arm mit einem Speer. Ich verstaue in einer Bewegung den Bogen auf dem Rücken und greife nach meinem Shoto. Ein Schlag in den Nacken, einer in die Kniekehle und alle Angreifer liegen am Boden. Sechs Sekunden. Im Kampf kann ich mich auf die Hunter verlassen.

„Was tun wir mit ihnen?“ Peer lässt sein Feuerzeug schnappen.

„Liegenlassen“, ist Tommys Antwort, die beinahe in dem lauten Stöhnen und Röcheln untergeht.

Wir sind nur der Association verpflichtet und nehmen Vampire gefangen. Es gibt niemanden mehr, der die Gesetze gegen Kriminalität verteidigt.

Früher oder später erledigen sich solche Ärgernisse hier draußen von selbst.

*


22. Oktober 2031

Sie tuscheln und werfen mir verstohlene Blicke zu. Ich ignoriere sie.

„11“, sage ich leise zu mir selbst, während ich alle Waffen wieder an ihren vorgesehenen Platz lege. Diesmal waren es 4,35 Sekunden. Zu langsam.

Mein rechter Arm schmerzt, die Naht ist noch frisch und Feuchtigkeit sickert durch mein Shirt. Meine tägliche Routine ändere ich nicht. Sie entscheidet über Leben und Tod. Das werden die Hunter auch noch verstehen. Wenn es zu spät ist.

20 Mal trainiere ich das blitzschnelle Aufstehen und Anlegen meiner Waffen. Das Silbermesser behalte ich auch im Schlaf in meiner Hand. Es wandert als erstes in den Waffengürtel an meiner Taille, den ich niemals abnehme. Dann folgen die drei Wurfmesser an meinen linken Oberschenkel, Pfeile und Bogen auf den Rücken, die Glock mit den 17 Silberkugeln und mein Kurzschwert Shoto aus rotem Eisenholz nehme ich in die Hand. Bereit für den Nahkampf. 0,5 Sekunden benötige ich, um Pistole und Shoto zu verstauen und meinen Bogen zu spannen. Mein Pfeil hat eine Geschwindigkeit von 300 km/h.

Meine Bestzeit beträgt 1,27 Sekunden.

Ich sollte ihnen erklären, was ich hier tue. Aber wenn ich an die vielen jungen Jäger denke, die ich kommen und gehen sehe, kommt mir meine Zeit zu kostbar vor, um sie zu verschwenden.

*


15. Oktober 2031

„Lasst die Energie durch eure Handflächen fließen. Leert euren Geist. Findet euer inneres Gleichgewicht.“

Mit geschlossenen Augen lauschen 13 Jäger und ich – die einzige Jägerin -, im Schneidersitz, mit aneinandergelegten Händen Sensei Kuns Worten. Wir befinden uns in unserem neuen Trainingszentrum, ein riesiges Arsenal an Waffen hängt an der einen Wand, ein überdimensionaler Spiegel an der anderen. Die Worte unseres Meisters für den Nahkampf und die Meditation bringen mein Trommelfell zum Schwingen, doch die Umwandlung in elektrische Nervenimpulse, die eine Reaktion meines Gehirnes nach sich ziehen müsste, bleibt aus. Same procedure as every time.

Wenn ein Mörder nur Kriminelle tötet, sollte er zur Rechenschaft gezogen werden oder sollte man ihm applaudieren? Wer bestimmt, wer kriminell und wer Mörder ist?

Da ist dieses Mädchen, tote silberne Augen, ein rote Wunde auf bleicher Haut…

Ich schüttle den Kopf. Zeitverschwendung an die Toten von letzter Woche zu denken.
Einatmen … Ausatmen.

„Starker Geist, starker Kämpfer.“

19 Pfeile habe ich noch, 1 Wurfmesser habe ich im Kampf gestern eingebüßt, das muss ich nachher ersetzen. Dann brauche ich noch 34 neue Silberkugeln, 6 Messer und meine Bogensehne muss gespannt werden…

*


8. Oktober 2031

Ich beobachte sie seit der Dämmerung. In einem dünnen Kleidchen irrt sie zwischen den Häusern umher, die Hände bittend ausgestreckt. Eine Einladung.

Die Tür der Spelunke öffnet sich, Lärm und der Geruch nach Alkohol und Urin quellen auf das Kopfsteinpflaster. Das Mädchen verharrt gerade außerhalb des Lichtkegels. Dreckiges Wischwasser landet vor ihren Füßen, bevor die sich schließende Tür sie in Stille zurücklässt. Ihre Schultern sinken herab. Ihre Einsamkeit zieht zu mir auf das Dach, wo ich mich an einen Schornstein drücke.

Schatten lösen sich aus der engen Gasse. „Oh, wen haben wir denn hier?“

„Bitte Mister, haben Sie etwas zu Essen für mich?“

Gelächter und gierige Blicke. Ich seufze und spanne den Bogen. Ich habe mich noch nicht entschieden.

Drei Männer umringen das Mädchen. Sie hält den Kopf gesenkt, den Körper starr. Der erste hebt die Hand. Silberne Augen blitzen und ich schieße. Treffer. Die Männer stieben auseinander und ich lande geräuschlos zwischen ihnen. „Behaltet das nächste Mal eure dreckigen Hände bei euch!“

Mit aufgerissenen Mündern stieren sie mich an.

Ich trete einen Schritt nach vorne. „Husch.“

Sie rennen.

Ich bleibe und hocke mich neben den toten Körper des Mädchens. Ihre silbernen Augen richten sich in den Nachthimmel. Diese Vampirin wird niemanden mehr täuschen.

Vielleicht hätte ich noch ein paar Sekunden warten können. Die Welt ist voller Abschaum.

Mein Funkgerät rauscht und ich setze die Nachricht ab. „Erledigt.“ Andere werden sich um die Überreste kümmern.

Ich ziehe den Pfeil aus ihrer Stirn und das rote Blut fließt über die bleiche Haut. Dann verlasse ich die Gasse über die Dächer, ohne zurückzuschauen.

Wir haben gewählt. Ich befinde mich auf der richtigen Seite.

*