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    23. Dezember 2020

    Crys Tale of the Moon: Werwölfe – Teil 23

    Ich steckte den kleinen Wirbelwind in die Wanne und wusch ihm sogar die Haare. Auch wenn es vielleicht albern war, wollte ich, dass das Rudel einen guten ersten Eindruck von ihm bekam.

    Als wir später im Bett lagen, wurde Noah ganz still.

    „Was ist los, Mahpee?“

    „Mami …“

    Ich horchte auf. Noah benutzte meistens das Lakota-Wort für Mutter. Nur wenn er verängstigt oder sehr unsicher war, rutschte ihm das Wort heraus, dass er als erstes sprechen konnte.

    In seinen großen Augen konnte ich all die unausgesprochenen Sorgen erkennen, die sein Herz bewegten.

    Ich drückte ihn näher an mich. „Magst du Redek?“

    Er nickte. „Und du?“

    Ich musste lächeln. „Ja.“

    „Was, wenn …“ Er kratzte sich am Kopf und zappelte mit den Beinen. „… wenn die anderen mich nicht mögen?“ Er wurde leiser. „Wenn die meine Haare komisch finden.“

    Mein Herz zog sich zusammen. Natürlich hatte er bemerkt, dass andere Menschen nicht am ganzen Körper behaart waren. Ich hätte das Thema früher anschneiden sollen. Und ich hätte Redek fragen sollen, ob es noch andere Wölfe wie Noah in seinem Rudel gab.

    „Findest du deine Haare komisch?“

    „Nö.“

    „Findest du meine Haare komisch? Die sehen schließlich ganz anders aus als Papas oder deine.“

    Noah runzelte die Stirn. „Du hast doch so schöne Haare. Engelshaare hat Papa immer gesagt.“

    „Findest du meine nackte Haut komisch?“

    „Was soll denn daran komisch sein?“

    „Naja, die ist viel weißer als deine.“

    Noah zuckte mit den Achseln.

    „Findest du denn die nackte Haut von Redek komisch?“

    „Quatsch, Iná.“ Jetzt grinste er. „Redek ist gar nicht überall nackt. An manchen Stellen hat er voll viele Haare.“

    „Ähm.“ Ich schluckte. Innerlich stöhnte ich. Selber schuld. „Na, das sieht dann aber bestimmt komisch aus.“

    „Aber wieso? So sieht er einfach aus. Papa hatte auch an manchen Stellen Haare. Aber nicht so schwarze wie Redek. Und Redek hat auch voll viele Muskeln.“

    Mein Kopfkino lief auf Hochtouren. Gar nicht gut. „Irgendwas musst du doch an Redek komisch finden, oder?“

    „Nö.“

    „Oder an mir?“

    „Nö.“

    „Und wenn du jemanden mit blauer Haut treffen würdest?“

    „Das wäre ja cool!“ Noahs Augen leuchteten auf. „Und mit Fühlern auf dem Kopf und mit gaaanz langen Armen.“

    Ich lachte. „Okay, wir stellen fest: Du findest nackte Menschen nicht komisch, auch wenn sie an einigen Stellen behaart sind. Du findest Menschen mit blauer Haut, Fühlern und gaaanz langen Armen auch nicht komisch, richtig?“

    Noah nickte.

    „Ich finde nackte Menschen nicht komisch, behaarte Menschen nicht komisch und blaue Menschen würde ich auch gerne mal treffen. Wenn es dir so geht und mir so geht, kann es anderen Menschen und Wölfen genauso gehen, oder?“

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    22. Dezember 2020

    Crys Tale of the Moon: Werwölfe – Teil 22

    Kapitel 7

    Ich zog mir ein frisches Shirt an und kämmte mir die Haare. Meine Bewegungen waren fahrig. Zum hundertsten Mal versuchte ich meinen Körper mit Atemübungen zu beruhigen. Ich verstand nicht, warum es mir so schlecht gelang, meine Nervosität zu unterdrücken. Ich hatte bis zum Umfallen mit Ben trainiert. Wölfe reagierten sehr feinfühlig auf die Stimmungen in ihrem Umfeld. Sie waren heißblütige Wesen, die sich von einem schnellen Herzschlag provoziert fühlen konnten. Eine Verwandlung mitten in einem Streit konnte für einen Menschen durchaus tödlich enden.

    Natürlich stand es mit meinen Nerven nicht zum Besten, denn es war der letzte Tag, den ich mit Noah verbringen konnte. Auch die Erinnerungen, die ich in der letzten Nacht heraufbeschworen hatte, ließen mich nicht los.

    Das erklärte aber noch lange nicht, warum ich die doppelte Menge Essen gekocht oder mich umgezogen hatte.

    Ich lauschte auf Stimmen und als Noahs Lachen durchs offene Fenster drang, musste ich mich am Tisch abstützen. Ich zählte mehrmals von 10 rückwärts. Noahs fröhliches Geplapper beruhigte mich zusätzlich und ich konnte die beiden Heimkehrer mit einem alltagstauglichen Lächeln begrüßen. Ich vermied es, Redek in die Augen zu sehen, doch der besorgte Ausdruck auf seinem Gesicht entging mir nicht. Meine Stimme zitterte nur leicht, als ich ihn zum Essen einlud. Ich spürte genau, dass er unschlüssig war. Noah zog ihn jedoch einfach mit zum Tisch.

    „Iná, stell dir vor, ich konnte die anderen Wölfe riechen! Und Redek …“ Er sah den Angesprochenen fragend an und erzähle erst weiter, als dieser genickt hatte. „… hat sich vor mir verwandelt! Er musste seine ganzen Sachen ausziehen, weil die sonst zerreißen. Und er ist so groß und ganz schwarz. Welche Farbe habe ich wohl? Denkst du, ich werde auch richtig groß sein?“

    Zum Glück erwartete er keine Antwort. Mein Hals war zu trocken und das Essen schmeckte nach nichts. Jede Sekunde dachte ich nur daran, dass dies die letzten Stunden waren, die ich mit meinem Sohn verbringen konnte. Warum nur hatte ich Redek eingeladen? Seine Anwesenheit ließ den Raum schrumpfen und die Luft gelang nur unter Schwierigkeiten in meine Lunge. Mein Körper fühlte sich wie ein Gefängnis an.

    Ich betrachtete Noah und musste mit Gewalt die Tränen zurückhalten. Ich wollte unbedingt, dass seine Freude nicht getrübt wurde. Ich würde die ganze Zeit in seiner Nähe bleiben, im Gebiet des Rudels. Nichts und niemand konnte mich hier vertreiben.

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    21. Dezember 2020

    Crys Tale of the Moon: Werwölfe – Teil 21

    Ich kam von einer Besorgung, als ich Makawee und Ben schon von weitem streiten hörte. Ben stürmte aus dem Haus in Richtung Siedlungstor und ich folgte ihm. Es begann bereits zu dämmern, doch Ben verließ den Schutz der Siedlung und wandte sich Richtung Wald. Es war ein Wunder, dass er mich nicht hörte. Bis heute wusste ich nicht, ob er zu aufgeregt war oder ob er sich wissentlich vor mir verwandelt hat.

    Der Moment, in dem der riesige braune Wolf vor mir stand, war einer der schönsten in meinem Leben. Ich hatte keine Angst. Ganz im Gegenteil. Plötzlich war da etwas, was mein Leben vervollständigte, mich erdete und mir einen Anker gab.

    Makawee gab zu, dass sie von Anfang an über Bens wahres Wesen Bescheid gewusst hatte. Als sie sah, wie glücklich er mich machte, gab sie nach und akzeptierte ihn als meinen Freund.

    Dass ich schwanger wurde, war nicht geplant, aber wir freuten uns trotzdem wahnsinnig. Als wir es bemerkten, nahm er mich mit zur Hütte in sein Rudelgebiet, um mir alles zu zeigen.

    Bei Ben fühlte ich mich sicher und geborgen. Zu Hause. Ich hatte angenommen, dass es genau darum ging im Leben. Dieses Gefühl zu finden und festzuhalten. Ich hatte nie rätseln müssen, wie es um seine Gefühle bestellt war. Mein Herz flatterte, aber es raste nicht. Die Schmetterlinge in meinem Inneren flogen Pirouetten, aber stürzten niemals ab. Seine Berührungen waren wunderschön, aber sie waren weit davon entfernt, mir den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Und genau so sollte es doch sein, oder?

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    20. Dezember 2020

    Crys Tale of the Moon: Werwölfe – Teil 20

    Als ich Ben kennenlernte, spürte ich sofort, dass er anders war. Ich war 18, hatte vor 10 Monaten meine Mutter verloren und irgendwo zwischen Makawees Kräuterbeutelchen, Tees, Salben, Tinkturen und Elixieren auch mich selbst. Die Vampire tyrannisierten die Menschen bereits seit sechs Jahren und das Leben lief für niemanden in geordneten Bahnen.

    Ich half meiner Ziehmutter mit ihren Kunden und Patienten, war aber nie mit dem Herzen dabei. Mir fehlte die zweite Hälfte meines Ichs, ich war rastlos und auf der Suche. Die letzten heiser geflüsterten Worte meiner Mutter waren: „Woher du stammst, bestimmt nicht, wer du bist.“ Da war sie nur noch eine Hülle mit Augen so groß und dunkel wie Wagenräder in einem bleichen abgemagerten Gesicht. Der Krebs hatte ihr alles gestohlen. Ihre Lebensfreude und ihren eisernen Willen. Seit Tagen hatte sie kein Wort gesprochen und dann war es für jegliche Erklärung zu spät. Selbst Makawees Mittelchen zeigten keine Wirkung, andere Medikamente gab es nicht. Ich hielt ihre Hand umklammert, bis sie kalt und starr wurde und Makawee mich mit Gewalt von ihr trennte.

    Wir hoben das Grab auf einer Lichtung aus. Dort war es ruhig und ich hoffte, dass meine Mutter nun ihren Frieden gefunden hatte.

    Ich kannte meinen Vater nicht, seinen Namen hatte meine Mutter mir nie genannt. So trieb ich in einem riesigen Ozean, ohne zu wissen, aus welcher Richtung ich gekommen war und in welche Richtung ich mich wenden sollte.

    Viele Male hatte ich Makawee gebeten, mir den Sinn der letzten Worte meiner Mutter zu erklären oder mir wenigstens den Namen meines Vaters zu verraten, doch sie bestand darauf, beides ebenfalls nicht zu kennen.

    Ben hatte mich sofort fasziniert, während Makawee ihn auf Anhieb ablehnte. Ein Unwetter überraschte uns auf dem Markt und setzte unsere Waren unter Wasser. Der schöne Unbekannte half uns alles zu verstauen und unseren Handkarren bis zum Haus am Rand der Siedlung zu ziehen.

    Ich lud ihn zum Essen ein und er besuchte uns in der nächsten Zeit immer wieder. Manchmal sprachen Makawee und er Lakota miteinander. Die Gespräche sorgten jedes Mal für eine ungemütliche Atmosphäre, aber niemand erklärte mir, worum es ging. Bis ich es eines Tages schließlich selbst herausfand.

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    19. Dezember 2020

    Crys Tale of the Moon: Werwölfe – Teil 19

    „Hi.“ Kleine Fältchen vertieften sein Lächeln und legten mein Sprachzentrum lahm.

    „Hi.“ Mir fiel kein einziges vernünftiges Wort ein. Und kein einziger vernünftiger Grund, warum das so war. Redek wirkte ganz anders als am vergangenen Abend.

    Noah erlöste uns aus dem Dilemma. „Tschüss, Iná. Bis nachher.“

    Ich beugte mich zu ihm hinunter und gab ihm einen Kuss auf den Kopf. „Viel Spaß, mein Schatz.“

    Schon waren die beiden Männer verschwunden. Ich lehnte mich ans Fenster und sah ihnen nach. Sie waren fast an der Waldgrenze, Noah hüpfte neben dem großen Mann. So fröhlich hatte ich ihn lange nicht erlebt. Er war früher oft mit seinem Vater im Wald, um über ‚Wolfkram‘ zu sprechen. Vielleicht hatte ich unterschätzt, wie sehr ein junger Wolf eine Führungspersönlichkeit brauchte.

    Ein merkwürdiges Ziehen breitete sich in meinem Bauch aus und verwirrte mich. Redek übte auf meine Augen eine magische Anziehung aus, die ich nicht einordnen konnte. Und von der ich mich schnellstens verabschieden sollte. Den Alpha eines feindlich gesinnten Rudels anzuhimmeln, war keine gute Idee. Ich dachte immer, dass ich mit Ben nicht glücklicher sein könnte. War ich so wankelmütig? Meine Gedanken kamen mir wie Verrat vor. Ich kniff die Augen zu. Redek war einfach der erste Mann, dem ich seit langem so nah gekommen war. Und zusätzlich erinnerte mich sein Wolf an Ben. Meine Tage und Nächte hatte ich im letzten Jahr fast ausschließlich mit Noah und Makawee verbracht. Ich war auch nur ein Mensch. Ben hatte diese Riesenlücke hinterlassen. Eine Leere, die mich nur um Noahs Willen nicht resignieren ließ.

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    18. Dezember 2020

    Crys Tale of the Moon: Werwölfe – Teil 18

    Kapitel 6

    Noahs vorbehaltlose Freude und sein glückliches Kinderlachen entschädigten mich für die Strapazen und Ängste der letzten Tage. Sein Mund stand nicht einen Moment still. Bestimmt zehnmal hatte er mich schon gefragt, ob ich Redeks Muskeln gesehen habe – oh ja – und ob ich glaube, dass er sich vor Noah verwandeln würde – da wäre ich gerne dabei.

    Dabei rannte er von einem Zimmer ins nächste, treppauf und treppab, um seine Sachen zu packen. Morgen würde ich mich für eine lange Zeit von ihm trennen müssen.

    Junge Werwölfe verwandelten sich unkontrolliert und stellten ein Sicherheitsrisiko für alle Nicht-Wölfe dar, da sie mit ihren Zähnen und Klauen nicht umzugehen wussten. Die Heilungsfähigkeiten eines Werwolfes waren um einiges höher als die eines Menschen. Von Anfang an war Ben und mir klar, dass dieser Tag kommen würde. Allerdings hatten wir gehofft, dass Ben ihn zu seinem Rudel würde begleiten können.

    Als es klopfte, rutschte mein Herz mindestens drei Etagen weit in den Keller und ich hielt mitten in der Bewegung inne. Noah sprang zur Tür und dann bekam Redek die gleichen aufgeregten Fragen gestellt. Er lächelte und beantwortete noch auf der Schwelle den ersten Schwall, während er Noah wieder seine Faust zur Begrüßung hinhielt. Noah verschwand einen Moment, um sein Schnitzmesser zu suchen und Redek hob langsam den Blick. Ich hielt unwillkürlich die Luft an, bis unsere Augen sich trafen und ineinander verhakten.

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    17. Dezember 2020

    Crys Tale of the Moon: Werwölfe – Teil 17

    Kapitel 5

    Redek

    Die dritte schlaflose Nacht. Ich kann es nicht ändern. Da ist ein Drang sie zu beschützten. Ob Ben den auch gespürt hat?

    Ihr Herz schlägt immer noch genauso schnell wie vor einer Stunde. Anders als Noahs. Der Kleine schläft tief und fest. Ich würde nie ein Junges gewaltsam von seiner Mutter trennen. Was hat Ben ihr nur erzählt?

    Sie rieche merkwürdig, hat er geschrieben. Das tut sie. Er meint, sie habe seine Seelengefährtin sein können. Aber sicher sei er nie gewesen.

    Er war glücklich mit ihr und er hat sie nicht gebissen. Wie hat er das geschafft?

    Und warum hat er ihr nicht wenigstens beigebracht, ordentlich Holz zu hacken? Wie soll ein Mann sich konzentrieren, wenn eine Frau die ganze Zeit friert und zittert und vor sich hinflucht? Die erste Nacht war die Hölle.

    Ich hätte nicht so einfach gehen sollen nach ihrer Geschichte. Wie ein Arschloch. Aber sie gehört nicht in mein Leben, in unser Leben.

    Ihre Ankunft bringt alles durcheinander. Das Rudel ist verwirrt. Ich kann nicht zulassen, dass die Wölfe etwas Unüberlegtes tun.

    Und wie passt du in das Bild, Makawee?

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    16. Dezember 2020

    Crys Tale of the Moon: Werwölfe – Teil 16

    Redek achtete nicht darauf, er hatte die Stirn gerunzelt und wirkte abwesend. „Sagtest du Makawee?“

    „Kennst du sie?“

    Er antwortete nicht, sondern starrte ohne zu Blinzeln aus dem Fenster.

    „Redek?“

    Er stand abrupt auf und ging zur Tür. Dann überlegte er es sich augenscheinlich anders und kam zu mir zurück. „Ich komme morgen Vormittag wieder. Ich möchte Noah ein bisschen die Gegend zeigen.“

    Ich wurde panisch. Redeks Augen wirkten distanziert und emotionslos. „Du sagtest ‚Zwei Tage‘.“

    Er beugte sich zu mir hinunter. „Ich meine immer, was ich sage. Ich sollte etwas Zeit mit Noah allein verbringen, bevor er dem kompletten Rudel gegenübersteht. Meinst du nicht?“

    Ich nickte, aber ich konnte das beklemmende Gefühl nicht abschütteln, dass ich Noah gerade für immer verlor.

    Redeks Gesichtsausdruck wurde etwas weicher. „Du kannst mir vertrauen, Enya.“ Seine Augen waren geradezu hypnotisch auf mich gerichtet und ich fragte mich, ob ein Alpha vielleicht noch andere Fähigkeiten hatte, die Ben mir verschwiegen hatte. Anders konnte ich es mir nicht erklären, dass ich auf sein fragendes „Okay?“ mit einem erneuten Nicken antwortete. Dann war Redek auch schon zu Tür hinaus und ließ mich mit meinen wirbelnden Gedanken allein.

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    15. Dezember 2020

    Crys Tale of the Moon: Werwölfe – Teil 15

    Seine Augen wirkten dunkel und ich konnte die Emotionen darin nicht deuten. Seine Reaktion überraschte mich deshalb und erwischte mich kalt: Er rutschte noch etwas näher und nahm meine Hände zwischen seine großen rauen. Es fühlte sich vertraut an, obwohl er es nicht war. Es stimmte überhaupt nicht mit seinem vorherigen Verhalten überein und doch schien es in diesem Augenblick das einzig Stimmige zu sein.

    „Was hast du gesehen?“ Seine Stimme klang leise und gepresst. Es musste schwer für ihn sein, dass er nicht dort war, um seinen Freund zu beschützen. Der Alpha eines Rudels war auf besondere Weise mit allen Wölfen verbunden. So hatte er vermutlich als erster von Bens Tod erfahren, ohne die Umstände zu kennen, ohne etwas daran ändern zu können.

    Ich holte Luft. „Sie waren weg. Wahrscheinlich schon lange … Ben lag vor dem Haus. Er … war kaum zu erkennen. Er hatte Bisswunden, das war überall Blut. Teile hatten sie rausgebissen, seine Brust hing in Fetzen.“ Redek streichelte meine Hände, doch ich bemerkte es kaum. „Warum? Warum tut ihr euch das gegenseitig an? Wir haben keinem etwas getan! Wir haben einfach nur gelebt. Ich verstehe es nicht.“ Meine Lippen zitterten und jetzt liefen die Tränen unkontrolliert über meine Wangen. „Ich musste ein Tuch für seinen Vater holen, bevor ich Noah die Augenbinde abnehmen konnte. Wir haben ein Grab ausgehoben und …“

    Redek atmete schwer. Er hielt meine Hände etwas zu fest und ich entzog sie ihm. Ich stützte den Kopf in meine Hände und mir wurde bewusst, dass ich für einen Teil seines Leids mitverantwortlich war. Vielleicht hätte ich Ben überreden sollen, wenigstens näher zu seinem Rudel zu ziehen. Doch ich hatte meiner Mutter vor ihrem Tod versprochen, immer in Makawees Nähe zu bleiben.

    Ich wischte mir die Tränen ab und sammelte mich, um meine Geschichte zu beenden und die Erinnerungen wieder in mir zu verschließen. Niemals wieder wollte ich sie hervorholen. „Wir sind über den Winter zu einer Bekannten gezogen. Makawee ist die einzige, die über uns Bescheid weiß. Den letzten Sommer haben wir in unserem Haus verbracht. Ich weiß, Ben wollte, dass ich dich sofort aufsuche, aber ich …“ Ich hob eine Hand und ließ sie wieder fallen.

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    14. Dezember 2020

    Crys Tale of the Moon: Werwölfe – Teil 14

    Ich fuhr mit der Zunge über meine trockenen Lippen und schluckte mehrmals. Kein Weg führte daran vorbei. „Es war ein warmer Tag im September vor einem Jahr und wir hatten eine Wanderung unternommen. Wir waren im Wald, noch weit von unserem Haus entfernt, als Ben … nervös wurde. Es dämmerte schon, wir waren müde. Er bestand darauf, dass wir in den Schutzraum kletterten. Wir sollten nicht rauskommen, sondern auf ihn warten.“ Ich hob den Kopf und konnte nicht verhindern, dass mir Tränen in die Augen stiegen. In Gedanken befand ich mich wieder in diesem kleinen, dunklen Raum mit einem völlig verängstigten Fünfjährigen, der nicht begreifen konnte, was passierte. Es änderte nichts, dass wir vorher mehrere Male geübt hatten im Schutzraum zu übernachten, auch ohne seinen Vater. „Wir warteten zwei Tage. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich wollte Noah nicht allein lassen, aber ich hatte solche Angst um Ben. Ich … ich hätte früher nach ihm sehen müssen.“

    Redek schüttelte den Kopf und rutschte näher zu mir. „Wir beschützen unsere Lieben mit allem, was wir haben. Kein Wolf bringt sein Junges in Gefahr.“

    Ich sah Redek an und versuchte, seinen Gesichtsausdruck einzuordnen. Meinte er seine Worte ernst? Ich spürte zumindest keine Wut und das gab mir die Kraft weiter zu sprechen. „Ich verband Noah die Augen und nahm ihn an die Hand. Ich sagte, es sei ein Spiel …“ Die Erinnerungen ließen mich schaudern und eine Gänsehaut bildete sich an meinem ganzen Körper. Niemals würde ich die Angst vergessen, die sich an diesem Tag durch meine Organe fraß.

    Mein Herz pochte ein Stakkato und ich hätte es jetzt nicht regulieren können, selbst, wenn ich es versucht hätte. Ich hatte die Bilder bisher kein einziges Mal zugelassen. Mein Gefühl sagte mir jedoch, dass ich Redek die Wahrheit schuldete. Und dass die Wahrheit bei ihm gut aufgehoben wäre.